Vom Individuum zum Weltbürger – Unsere schwierige Reise vom Ich zum Wir

Vom Individuum zum WeltbürgererIn der Familie funktionieren das Teilen, das Miteinander, gegenseitige Versorgung, Hilfe und Unterstützung noch. Nicht immer, aber immer noch und immer wieder. Eine Solidargemeinschaft, ein Mini-Sozialstaat sozusagen. Je weiter wir vom Ich, von der Beziehung, von der Familie, dem Verein in die Gesellschaft gehen und je größer eine Gemeinschaft, oder Gruppe wird, desto schwerer scheinen wir uns mit der Solidarität zu tun. Woran kann das liegen ?

An vielen individuellen wie gruppenspezifischen Gründen, denn jeder Mensch hat seine und jede Gruppe hat ihre eigenen Strategien, sich und den Mitmenschen das Leben leicht oder schwer, angenehm oder unerträglich, zu machen. Individuen, die es sich und anderen gerne leicht machen sind häufig im Kloster anzutreffen. Zur Belohnung haben sie ein gesünderes und längeres Leben, wie die Klosterstudie* zeigt. Und vielleicht besteht ja auch die ganz besondere Klugheit dieser Klostermenschen darin, sich dem alltäglichen Wahnsinn unseres Profit- und Wachstumsmaximierungsalltages frühzeitig zu entziehen.

Das lateinische Wort Individuum bedeutet „unteilbar“, ebenso wie das griechische Wort Atom. Seit der Atomphysik wissen wir, dass Atome nicht ganz so unteilbar sind, wie Plato sich das einstmals vorgestellt hat. Sie bestehen aus noch kleineren Elementarteilchen, vor allem aber zu 99,9 % aus leerem Raum. Darüberhinaus lehrt uns die Quantenphysik, dass Elementarteilchen ohne den Beobachter eigentlich gar nicht vorhanden und nur bei Stillstand lokalisierbar sind. Wir kennen entweder Impuls oder Aufenthaltsort eines Elementarteilchens, aber niemals beides. Trotzdem verlassen wir uns jeden Tag auf das Standardmodell der Physik, wenn wir irgendwelche technischen Einrichtungen benutzen, oder mit 200 km/h über die Autobahn rasen. Auch Individuen sind längst nicht mehr so unteilbar wie einst vermutet. Der Chirurg richtet’s, wenn es erforderlich scheint jemanden richtig zu zerlegen und wieder zusammen zu setzen. Wenn das man nicht wahres Gottvertrauen ist.

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“ hat Friedrich Nietzsche einmal formuliert. Beim Zusammenschluss von Individuen zu Gruppen scheint regelmäßig etwas schief zu laufen. Wir Deutschen sind ein Volk von Rasern, das sich gerne auf der Autobahn austobt. US-Amerikaner hingegen erschiessen sich gerne mal gegenseitig. In Kanada, einem Land mit vergleichbarer Historie, ist das nicht so. In Europa, dort wo sehr viele US-Amerikaner und Kanadier ursprünglich herkommen, ist das auch ganz anders. Warum ? Wollen die USA es wirklich so, oder können sie einfach nicht anders ? Warum fühlen sich die US-Amerikaner so bedroht und die Kanadier und Europäer nicht. Die Antwort ist erschreckend einfach: Weil sie Angst vor sich selber haben, so individuell wie wechselseitig. Die USA zeigen uns exemplarisch auf, wie der gemeinsame kulturelle Umgang mit Angst und Gewalt, die gewohnheitsmäßigen Reaktionen zum kulturellen Problem einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden können, ohne dabei einzelne oder gar alle US-Amerikaner verunglimpfen zu wollen. Unterschiedliche Kulturen – unterschiedliche Probleme – unterschiedliche Entwicklungschancen. Wir Deutsche brauchen dringend ein Tempolimit, die USA dringend ein Waffenlimit.

„This country has a mental health problem, disguised as a gun problem and a tyrrany problem, disguised as a security problem“  formuliert Joe Rogan, US-amerikanischer Comedian – aber er sagt das nicht zum Spaß.

Was macht Gemeinschaften, Gruppen, Parteien, Völker aus ? Gemeinsamkeiten wie Geschichte, Kultur, Sprache, Werte, Ideale und Ziele. Mit manchen Gruppen können wir uns als Einzelner, als Individuum, identifizieren, mit anderen nicht. Der Weg des Individuums in die Gruppe ist in einem freien Land eine individuelle, persönliche und freie Entscheidung und ebenso individuell bei den Motiven: Einsamkeit, Glaube, Zuwendung, Anerkennung, Hobby, politische Interessen, Idealismus, Opportunismus. Nur in die oberste und höchste Gruppe, in unser Land, in unsere Nation, dort werden wir hinein geboren, diese Gruppe können wir uns erst mal nicht aussuchen.

Wir sind jeder für sich ein Individuum, aber nicht alle Menschen legen den gleichen Wert auf ihre Individualität. Eigensinn, Eigenwille, Egoismus, Selbstsucht auf der einen Seite – Konformität, Anpassung, Toleranz, Gruppenkultur, Gruppenethos und Gruppenzwang auf der anderen Seite. Fühlt sich ein einzelnes Atom einsam ? Kann man fast glauben, wenn man beobachtet, was sich da chemisch alles miteinander verbindet, oder grundsätzlich nur paarweise vorkommt, wie z.B. der Sauerstoff. Der Mensch ist da nicht viel anders. Als kleinste Einheit möchte er auch nicht gern alleine bleiben und paart oder gruppiert sich deshalb. Die größten freiwilligen internationalen Einheiten unseres Gruppierungsverhaltens sind global betrachtet die Vereinten Nationen, und – fast kontinental – die USA und die EU, aber ebenso auch wiederkehrende temporäre Ereignisse wie Olympia, oder Weltmeisterschaften. Die größte Idee unserer Zeit, von der ich mich persönlich sehr angezogen fühle, ist das Weltbürgertum – Global Citizenship. Warum gibt es analog zum Rat der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen nicht auch ein Parlament von Weltbürgern wie in Europa ein Europaparlament ?

Weil es am Willen fehlt ? Ja ! Weil das alles nicht so einfach ist ? Ja, absolut ! Weil es keinen Sinn macht ? Nein ! Vielfalt und Einheit unter einen Hut zu bekommen und zu behalten ist, wie wir and den Beispielen USA und Europa sehen, schwer, aber machbar. Der nächste Schritt – ein Weltparlament – denkbar. Einheit funktioniert nur dann wirklich gut und dauerhaft, wenn Menschen sich freiwilig dafür entscheiden dürfen und die Einheit nicht als Diktat empfinden.

Warum macht es Sinn sich auf Weltebene zusammenzuschliessen, sich quasi komplett zu globalisieren ? Es macht Sinn, weil alles andere keinen Sinn macht. Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Hunger, Krieg, Gewalt und Ressourcenverfügbarkeit bedürfen globaler, gemeinsamer Lösungen. Alle unsere Probleme sind hausgemacht, aber in verschiedenen Häusern. Wir stehen uns individuell, religionsbedingt und nationalstaatlich nicht nur gegenseitig, sondern humanitär betrachtet, auch selber im Weg. Aus Sicht möglicher ausserirdischer Lebewesen ist die Organisation unseres Planeten in erbärmlichem Zustand. Das, was die meisten Gruppen ausmacht, nämlich gemeinsame Pläne und Ziele, fehlt uns global betrachtet. Wir haben keinen Plan ! 7 Milliarden Laiendarsteller und Regisseure, die versuchen einen gemeinsamen Film ohne gemeinsames Drehbuch zu drehen. Wie bescheuert ist das denn ? Ich bin sicher, dass es ausserirdische Intelligenz gibt, selbst wenn es sich vielleicht nur um so etwas wie einen „Gott“ handelt. Die Intelligenz friedlicher ausserirdischer Lebewesen besteht mit Sicherheit darin unseren Planeten sicherheitshalber zu meiden.

Ist denn noch niemandem aufgefallen, dass wir uns schon immer von klein zu groß zusammengeschlossen haben ? Das ist unsere gemeinsame Menschheitsgeschichte, nur vor dem letzen Schritt haben wir scheinbar eine Riesenangst. Warum ? Weil wir aus unserer europäisch-amerikanischen Sicht scheinbar mehr verlieren als gewinnen, wenn wir alles teilen. Ressourcen wie Land, Wasser, Öl und Geld, viel Geld, sehr viel Geld. Beim Geld hört bei uns die Nächstenliebe auf. Kluge Menschen haben es schon bemerkt: „Wer glaubt, dass aus einem Planeten mit endlichen Ressourcen unendlich viel Profit und Wachstum herauszuholen ist, ist entweder dumm oder Ökonom“. Und so finde ich es auch nicht verwunderlich, dass genau das Land, aus dem fast alle Nobelpreisträger für Wirtschaft kommen, schuldenmäßig besonders schlecht dasteht und ständig Geld druckt.

Um es abschliessend noch einmal zu sagen: Wir sind als Menschen alle persönlich dafür verantwortlich, und ggf. auch dafür haftbar zu machen, mit welcher Kultur wir uns identifizieren – oder infizieren lassen. Es ist kein Widerspruch Individualist und Deutscher und Europäer und Weltbürger und Fussballfan zu sein. Aber es ist ein Widerspruch von „One World“ zu reden und diese dann an einer fairen Aufteilung von Geld und Ressourcen scheitern zu lassen. Und wenn ich fair sage, dann meine ich, dass unsere Überlegungen dahin gehen müssen, mit Menschenrechten und Menschenwürde und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit endlich mal ernst zu machen und eine gewaltfreie globale Gesellschaft anzustreben bei der jeder Mensch von Geburt an das gleiche Recht auf die Nutzung aller weltweiten Ressourcen besitzt, incl. aller Technologie und allen Geldes. So wie ich es in meiner Familie erlebt habe und immer noch erlebe und wofür ich meinen Eltern unendlich dankbar bin, so möchte ich in 5 Jahren, wenigstens ansatzweise, die Menschheit erleben und deshalb wird es dringend Zeit mit allen Menschen die zu militärischer Gewalt aufrufen, oder militärische Gewalttaten auch nur in Betracht ziehen, ein ernstes Wort zu reden und konsequent auf Gewaltlosigkeit zu bestehen um Frieden als  wichtigste und notwendigste Voraussetzung für ein globales Miteinander zu schaffen. Der Internationale Tag des Friedens der UN* am 21.09. ist eine gute Gelegenheit Flagge zu zeigen, jeder andere Tag aber auch.

*http://www.klosterstudie.de/index.htm
*http://www.un.org/en/events/peaceday/

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